Auf ein Neues – Teil 3

Auf ein Neues – Teil 3

Mrs. Joshua und Niroshan führen uns über das Gelände. Cihan inspiziert die Baustelle des von uns gespendeten, neuen Schlafhauses. Das Fundament ist fast fertig. Der Plan ist, bis wir abreisen, die Grundmauern fertig zu stellen. Ein neues Badehaus gibt es auch schon, das eine Versicherung glücklicherweise finanziert hat. Darin wird gerade gefliest, während wir in der gleißenden Sonne alles begutachten.

Mein Herz wird einen Moment ganz besonders berührt, als uns das Mutter-/Kind-Haus gezeigt wird. Ein einladendes, gelbes Gebäude, in dem vergewaltigte, teilweise schwangere Mädchen (im Alter von 10 – 16 Jahren) für zwei Jahre ein neues Zuhause finden sollen. Sie bleiben diese Zeit in der Obhut von Meth Sewa und lernen alles, was es für das Muttersein und für den Haushalt braucht. Nach Ablauf der Zeit wird gemeinsam entschieden, ob sie ihre Kinder im Waisenhaus lassen und alleine ausziehen, oder alternativ zusammen mit ihrem Kleinkind draußen versuchen, Fuß zu fassen.

Der einzige Haken hierbei ist, dass das Haus erst in Betrieb genommen werden darf, wenn um das Gebäude und das angrenzende Badehaus eine 3 Meter hohe Mauer entsteht. Die Schlafräume sind bereits eingerichtet mit Betten für die Mädchen und Babybettchen für die Neugeborenen. Bis es soweit ist, leben sie in einer Art behördlichem Auffanglager für solche “Fälle”.

Ich breche kurz in Tränen aus, als ich daran denke, dass wir diese Mädchen kasernieren müssen, damit sie zumindest zwei Jahre ihres Lebens hier Frieden finden. Bereits 15 schwangere junge Mädchen warten darauf, hier endlich einziehen zu dürfen. Die Meter lange Mauer kostet umgerechnet ca. 6.000,- Euro. Diese Mauer, die die Mädchen wohlgemerkt vor ihren Vergewaltigern (zum Teil die eigenen Väter) schützen wird, hat oberste Priorität.

Wir werden alles daran setzen, diesen Betrag ganz schnell zusammen zu bekommen.  Die Regierung stellt Anforderungen an die Einrichtung und verlangt eine so teure Mauer, gibt aber keinen Cent für die Errichtung dazu.

Bevor ich hierher kam, war mir klar, dass es bewegend und schwer wird. Aber insbesondere dieses Thema berührt und verärgert mich zutiefst. Cihan und ich überlegen, einen kurzen Film darüber zu drehen, mit durchlaufenden Textbausteinen, um damit so umfassendes, schnelles Fundraising via Internetportal zu betreiben.

Nach der Begehung setzen wir vier uns noch zusammen und besprechen alles andere Organisatorische. Ich schlage vor, alle 7 Pfleger (samt Niroshan, seiner Frau und Mrs. Joshua) zu fotografieren und eine Kurzvita zu schreiben. Das werden wir morgen in Angriff nehmen. Ziel ist es, Patenschaften für alle Helfer zu bekommen. Mit monatlich 50,- Euro hätten alle ein Grundeinkommen und könnten weiter verlässliche gute Seelen in Meth Sewa bleiben. Denn was hilft es, wenn Pfleger weggehen, krank werden oder es sich nicht länger leisten zu können, gemeinnützig Gutes zu tun. Wir müssen sie bestärken, zu bleiben. Und ohne Gehalt geht das eben nicht.

Auch einen Lehrer werden wir ab Mitte April testweise für drei Monate finanzieren.  Sein Gehalt beträgt monatlich 80,- Euro. Gut angelegtes Geld, da ca. 1/3 der 48 Insassen in Besitz ihrer vollen geistigen Kräfte sind.

Ebenso möchten wir einen Physiotherapeuten hierher kommen lassen, der für umgerechnet 60,- Euro einen ganzen Tag pro Woche die Kinder in den Krankheitsbildern angepassten Bewegungen schult (und die Pfleger, um das fortzuführen) . Er lebt in Monaragala, was 35 Kilometer weg ist, und ist der einzige Physio weit und breit.

Täglich führt uns also unser Weg hierher nach Meth Sewa, übrigens dem einzigen Ort mit Internetanschluss weit und breit. Niroshan und Mrs. Joshua schlüsseln uns alles, was für den Hausbau notwendig ist, akribisch auf. Für wirklich alle Posten, die anfallen, bekommen wir eine Quittung. Niroshan plant das Budget für den Neubau so straff, dass wir wohl sogar noch das Mobiliar stiften können. 30 Betten, 30 Matratzen und 30 Kommoden für die Mädchen, die hier im Laufe des Aprils einziehen werden. Solch ein Möbelset kostet samt großzügigem Rabatt des einzigen Einrichtungshauses (stellt euch darunter bitte nicht viel vor) ca. 100,- Euro. Ich freue mich sehr, dass wir das noch leisten können. Wir entscheiden mit Niroshan vor Ort, aus jeweils zwei Versionen – Holzbett statt Stahlbett, Kommode aus weiß-türkisem Kunststoff statt düsterem Stahlspind. Und dazu jeweils eine quietschbunte Matratze. Des Weiteren werden wir noch überall im 400 Quadratmeter großen Neubau einen strapazierfähigen, weichen Gummiboden verlegen lassen. Das haben sich Niroshan und Mrs. Joshua gewünscht.