Auf ein Neues – Teil 4

Auf ein Neues – Teil 4

Der Bau geht rasch voran. Heute wird der Estrich gemacht, um dann umgehend die Mauern hoch zu ziehen. Täglich fahren wir ins 30 Minuten entfernte Wellawaya an den Geldautomaten, um wieder angefallene Kosten für den Bau aus zu gleichen. Dort essen wir auch zu Mittag. Jeden Tag Reis & Curry. Leider ist das fast immer kalt, was mir den Genuss ziemlich verleidet. Ich mag einfach kein kaltes Essen. Um das zu umgehen, werde ich zusehen, künftig nicht mehr vom kalten Buffet zu essen.

Heute, an Tag 3 in Meth Sewa, sind auch Fotos der Pfleger im Kasten, samt Alter, Namen und Familienstand. Unser Ziel ist es für alle 7, die hier im Waisenhaus leben, und rotierend nur 1x im Monat für 2-3 Tage zu ihren Familien fahren, Paten zu finden. Diese Patenschaft soll monatlich 50,- Euro kosten und jedem Helfer somit ein Grundeinkommen zahlen.

An den Abenden passiert hier in Handapanagala wenig. Es wird gegen 18 Uhr bereits dunkel. Dann kommen Heerscharen von Moskitos, vor denen man sich kaum schützen kann. Wir versuchen einen Abend vor unserem einzigen Fenster Kokosnussschalen und Zitronengras zu verbrennen. Das stinkt die ganze Nacht. Man kann keinen Atemzug ohne diesen penetranten Räuchergeruch machen. Die Moskitos tangiert das aber gar nicht.

Abends verzichten wir auch zumeist aufs Abendessen, dann kann man auch morgens ohne Frühstück länger durchhalten. Alles ist hier ausgesprochen spartanisch. Sich darauf einzustellen und trotzdem zufrieden zu sein, ist hier eine große Aufgabe für mich.

Einmal besuchen wir die Brüder und die Mama von Manu, der uns nicht von der Seite weicht und sich schon vieler wertvoller Dienste erwiesen hat. Er lebt zusammen mit seiner Familie (der Vater ist 2001 bei einem LKW-Unfall verunglückt) in einer winzigen Lehmhütte. Ohne Strom und fließend Wasser, bestellen sie von dort aus ihr riesiges Land. Sie bauen Kokosnüsse, Papayas, Reis und Kürbis an. Alleine die Reisfelder bringen 10 Tonnen Reis, der aber leider zu einem Spottpreis verkauft werden muss. So ist die Familie bettelarm, trotz Ländereien, die so groß sind, dass man sie mit einem Pferd abreiten könnte.

Wir laufen zwischen den Feldern zum Flüsschen, das durch das Land verläuft. Cihan zählt die Schritte dorthin, denn er plant ein Mini-Wasserkraftwerk zu bauen, das dann das Hüttchen mit Strom versorgen soll. Zurück gehen wir im Dunkeln und setzen uns dann draußen zusammen hin. Es ist so dunkel, dass man sich nur schemenhaft sieht. Wir unterhalten uns radebrechend, und das ohne Mimik und Körpersprache nutzen zu können. Die Sterne funkeln über uns am Himmel. Die Moskitos freuen sich über unseren Besuch.

Als Gastgeschenk haben wir übrigens einen Kuchen mitgebracht, den wir extra vorher in einem Laden am Straßenrand gekauft haben. Er sieht so künstlich und süß aus, als wäre er aus einem Barbiehaus. Dass man ihn wirklich genießen kann, glaube ich nicht. Dazu geben wir noch Fruchtgummis aus Deutschland. Ganze 3 Kilogramm habe ich davon mitgebracht. Sie finden regen Anklang.

Einen anderen Abend besuchen wir unsere Nachbarn. Ein kleines Mehrgenerationenhäuschen, das an unser gemietetes Grundstück angrenzt. Der Sohn des Hauses wollte sich vor zwei Jahren mit Pestiziden das Leben nehmen. Seit er das Gift getrunken hat, ist sein ganzer Körper entstellt. Er wird durch einen Schlauch mit in Wasser aufgelöstem Milchpulver versorgt. Er ist Tag und Nacht an sein Bett gefesselt. Seine Gliedmaßen sind verkümmert, ein Bein sieht aus wie ein großer, geschwollener Stumpen. Es ist furchtbar, das zu sehen. Wir bringen eine große Ration Milchpulver, Nährhefe, Süßigkeiten von Zuhause und ein paar Spielsachen und Kinderbekleidung aus der großen Box, die ich mitgebracht hatte.

Die Freude ist groß bei allen Bewohnern. Zwei Mädchen werfen sich vor mir voller Dankbarkeit auf den Boden. In die Gabentüte hinein gucken sie aber nicht. Das ist hier unüblich. Gastgeschenke werden erst begutachtet, wenn die Gäste wieder weg sind.  Andere Male erlebe ich, wenn wir irgendwo an der Straße essen und bettelnde Kinder ebenfalls mit Essen versorgen, dass sie das annehmen und ohne ein Danke verschwinden. Erwachsene Bettler nehmen das Essensangebot gar nicht erst an, sondern verlangen nachdrücklich Geld, dass sie von uns aber nicht bekommen. Es handelt sich hierbei nämlich um organisierte Bettlerbanden, die besonders elend aussehende Menschen ausbeuten, indem sie sie auf der Straße betteln lassen und ihnen das Geld dann abends abnehmen. So großzügig wir sind, das zu unterstützen widerstrebt uns sehr.

Manu, von dem ich schon geschrieben habe – eigentlich heißt er Manusara, erzählt uns von diesen Banden, die wir in Europa ja auch zu Genüge kennen. Er gibt uns täglich Einblicke in seine Insel, sein Leben und seine Kultur. Er hilft uns zu verhandeln oder dem Ort und den Gepflogenheiten angepasste Entscheidungen zu treffen. Dafür nehmen wir ihn täglich mit zum Essen, haben bereits ein Handy für ihn gekauft, jeden Tag ein paar Zigaretten und heute sogar eine Brille. Diese benötigt er, um den von uns finanzierten Führerschein zu machen. Das kam bei der dafür ebenfalls notwendigen, medizinischen Untersuchung heraus. Umgerechnet 30,- Euro kosten die Korrekturgläser. Er bedankt sich vielmals dafür. Denn er, als Farmersohn einer seit 15 Jahren allein erziehenden, alten Mutter, hätte sich diese, ebenso wenig wie die Fahrerlaubnis, niemals selber finanzieren können. Wir aber, die wir ihn insgesamt 6 Wochen als wertvollen Berater vor Ort nutzen können, geben so etwas als Dank zurück. Jeder, der unseren Verein unterstützt, kann das sicher nachvollziehen.

Unser täglicher Besuch in Meth Sewa ist mittlerweile schon zu einer schönen Gewohnheit geworden. Meist verbringen wir dort den Vormittag und noch etwas Zeit am Nachmittag. Die Bewohner, die geistig fit sind, erkennen uns und lachen uns zu. Aber alle, wirklich alle, egal wie schwierig ihr Zustand auch sein mag, wirken jeden Tag entspannt und zufrieden, soweit das eben in ihrer Lage möglich ist.

Das SSSC-Waisenhaus wächst und gedeiht. Täglich können wir sehen, mit welchem Tempo und Fleiß hier gebaut wird. Nach nun ca. vier Wochen Bauzeit, werden heute zwischen den Außenmauern bereits Fenster und Türen eingesetzt. Als nächstes wird das Dach folgen. Unser Wunsch und Ziel, die Fertigstellung vor unserer Abreise erleben zu dürfen, bleibt ein durchaus umsetzbares Vorhaben.

Viel dazu beitragen können wir allerdings nicht. Vielmehr stören wir etwas das tägliche Treiben in Meth Sewa, da sowohl Mrs. Joshua (Die übrigens sehr happy mit dem Laptop ist, dass ich ihr mitgebracht habe. Auf dem lauscht die tiefgläubige Christin kirchlichen Klängen zur Entspannung) als auch Niroshan uns jedes Mal all ihre Aufmerksamkeit schenken, uns stolz den Status der Baustelle präsentieren und weitere Schritte besprechen möchten. Auf der anderen Seite warten allerdings die 48 Hilfebedürftigen, die man kaum einen Moment unbeobachtet lassen kann. Einmal werden wir Zeugen eines epileptischen Anfalls. Wie gelähmt stehen wir dabei. Wir bieten uns an zu helfen, sind aber gleichsam froh, dass das Angebot dankend abgelehnt wird.