Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 9

Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 9

Die letzen drei Tage in Abadiania. Wir haben unsere vorzeitige Abreise, u, Geit in Brasilia zu verbringen, abgeblasen. Für unsere drei Patienten wäre das purer Großstadtstress und gänzlich kontraproduktiv für eine Heilung. So bleiben wir alle gemeinsam also hier bis zum Abflugtag.

Während ich von meinen Santo Daime-Erlebnissen berichte, sitze ich unter Bäumen, auf einer riesigen Holzbank, im Garten der Casa vom Joao. Hier stehen etwa 30 davon, allesamt gestiftet von dankbaren Menschen aus aller Welt, denen Joao helfen konnte.

Ganz dezent höre ich die Gebete im Inneren. Der Wind spielt wieder mit meinem Haar. So wie gestern Abend, als ich ihn herbei gesehnt habe, weil mir so warm ist. Und er tatsächlich kommt und mir Linderung verschafft.

Die letzten 2 Tage bleiben ohne weitere Vorkommnisse. Alles ist ruhig und entspannt. Am vorletzten Abend gibt es noch einen musikalischen Abschluss in Form von Livemusik im Fruttis. Dem Café, in dem ich täglich mindestens einen Acai-Smoothie zu mir genommen habe. Der Laden ist bereits gegen 20h randvoll. 5 bunt zusammen gewürfelte Musiker geben ihr bestes. Wie wir später erfahren, ist darunter auch Steve Gadd (berühmter Schlagzeuger, knapp 70, der scohn mit vielen der ganz Großen auf Tour war). Cihan juckt es bei den Rhythmen und den Drums vo Anfang an in den Fingern. Für etwa eine halbe Stunde darf er neben Steve Platz nehmen und trommeln was das Ding hergibt. Er macht das sehr gut, völlig harmonisch fügen sich seine Klänge zu denen der Profis. Nach Ende begeistert er durch ein paar Zaubertricks, dann ist unser einziger Abend mit Programm in den drei Wochen auch vorbei.

Der Tag der Heimreise. Ich bin mittlerweile in Brasilia und warte auf meinen Heimflug mit Air France, via Paris. Die letzten drei Tage quält mich ein schlimmer Hautausschlag. Angefangen hat er rund um meine Schürfwunde (vom Treppensturz) und unter der rechten Achsel. Er juckt und breitet sich erschreckend schnell aus. Ein Apotheker vor Ort hatte darauf bestanden, mir ein Antihistamin zu spritzen. Und eine Cortisonsalbe verschrieben. Eine Freundin daheim in München hat vorgeschlagen, dass ich alle Stellen mit meinem Morgenurin einreibe. Und Cihan geht für mich mehrmals am Tag frische Aloe Vera ernten. Damit bastelt er vor der Abreise auch einen Verband für mein geschundenes Bein.

Eben diesen reisse ich mir gerade, hier in der VIP Flughafenlounge (dank AMEX kann ich weltweit 700 solcher Lounges nutzen) herunter. Stattdessen mühe ich mich in Trombosestrümpfe, die ich auf langen Reisen immer dabei habe. Das rechte Bein ist erschreckend angeschwollen und ich habe Sorge, dass das bei 13h Flug schlimmer wird. Die Prozedur ist sehr schmerzhaft, aber was hilft es. Noch eine halbe Stunde ausruhen und dann geht es durch den halben Flughafen zum Gate.

Reisefazit:

Abadiania ist ein Wechselbad der Gefühle für mich gewesen. Dieses Downshifting dort hat sich angefühlt wie eine Entgiftungskur und ein Neustart zugleich. Das hat etwas Gutes. Ich bin zumeist ruhig gewesen, habe mich über jeden Schmetterling und Vogel gefreut, hab weder Radio noch TV vermisst, viel gelesen und drei Wochen nicht konsumiert. Facebook und Emails ganz weit heruntergefahren.

Darum ist und bleibt eine derartige Reise (ins ich), wenn auch zwischendurch mühsam, absolut empfehlenswert. Dafür braucht es auch kein spezielles Krankheitsbild. Ohne ist es vielleicht sogar besser. Dann ist es nicht möglicherweise schon zu spät, sondern verhindert etwaig irgendwo lauernde Erkrankungen.

Denn kein Heiler, Schamane oder Medium werden je dich, mich und andere wirklich heilen können. Das kann nur jeder für sich, durch das Loslassen alter Gewohnheiten, hässlicher Gedanken, schlechtem Essen und all dem anderen krankmachenden Lebensballast.

An einem Ort wie Abadiania ist es lediglich leichter, das zu tun, weil einen eben so gar nichts aus unserer Medien- und Konsumwelt ablenkt. Es geht nur darum, genau das anzunehmen und zu geniessen. Dann kann es eine schöne, freie, ruhige, sonnige Zeit sein, so wie ich sie nun drei Wochen erleben konnte. Die Aggressionen und schlechten Momente, solange sie nicht überwiegen, gilt es dann auch anzunehmen und zu durchleuchten. Eben das ist die Aufgabe und die Horizonterweiterung, die ein solcher Ort, die ganzen Kranken und die widrigen Umstände fordern. Und das ist gut!

Keine Ahnung, ob ich ein weiteres Mal an diesen Ort reisen werde. Zeit für mich, in so einer abgeschiedenen Form, fern des Konsums. Die Natur und deren Bewohner intensiv wahrnehmen – das werde ich bestimmt noch häufiger. Bestimmt gibt es auf allen unseren Kontinenten solche Kraftplätze. Mit meiner besten Freundin möchte in absehbarer Zeit den Jakobsweg gehen oder zumindest einen Teil davon. Auch das wird bestimmt ähnliche Gefühle und Erlebnisse wie Brasilien, in mir wecken. Hinzu kommt dann noch die körperliche Herausforderung.

Im Moment, gerade im Flieger angekommen, bin ich glücklich, dass ich ohne triftige Gründe ein Upgrade in die Premium Economy der Air France bekommen habe. Ein kleiner, älterer, ganz lieber Purser hat mir wohl am Gesicht angesehen, dass ich angeschlagen bin. So habe ich einen Zweiersitz für mich, kann meine Beine hochlegen und es mir mit je zwei kuschligen Decken und Kissen gemütlich machen. Nach zwei Gläsern Champagner schlummere ich ein.

In zwei Monaten geht es wieder auf die Reise. Dann für unser Hilfsprojekt nach Sri Lanka.

Fernweh wäre mein 2. Vorname, wenn ich denn einen hätte! :-)