Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 8

Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 8

Nun habe ich es also erlebt, das Santo Daime Ritual. 20.30h, nach Sonnenuntergang geht es los. Bereits eine Stunde vorher sind wir die ersten Gäste eines hellblauen, herzförmigen Gebäudes mit einem Stern als Glaskuppel. Der Taxifahrer hat uns mitten im nirgendwo abgesetzt, über eine Schotterpiste ist dieses christliche Zentrum gut abseits der Autobahn.

Nach und nach treffen weitere Leute ein. Einige andere Besucher Abadianias, denen wir schon in unserer Unterkunft und auf der Straße begegnet sind. Etwa gleich viele Einheimische gesellen sich dazu. Wir tragen alle weiß, der innere Kreis der Hiesigen trägt weiße Hemden bzw. Blusen, eine dunkle Krawatte oder Fliege sowie dunklen Rock oder Hose. Alle, egal ob fremd oder bekannt, egal welchen Ursprungs, begrüßen sich aufs Herzlichste. Die meisten, die im Gegensatz zu mir, Ayahuasca-Erfahrungen mitbringen, sind voller Vorfreude. Ich bin entspannt und neugierig zu gleich, habe ich mich doch freiwillig darauf eingelassen.

Pünktlich geht es los. Die Frauen gehen um einen fünfzackigen, mit Blumen besetzen Stern, links in das Gebäude, die Männer rechts. So bleiben die Geschlechter auch während der ganzen Session getrennt im Raum. Cihan und ich haben aber Blickkontakt, was mich beruhigt, wer weiß, wie ich das Gebräu vertrage.

Der Abend startet mit christlichem Gesang. Der innere Kreis an einheimischen Frauen und Männern ist gruppiert um einen Stern, selbstverständlich ebenso wie wir in den entsprechenden Raumhälften. Viele Metallrasseln bringen Rhythmus in die Gesänge. Zwei große Glasbehälter mit dem fermentierten, brasilianischen Spezialtee und zahllose Plastikbecher werden hereingebracht. Es dauert auch nicht lange und wir stellen uns an für die erste Portion. Als ich an der Reihe bin, zeigt mir der sehr lieb wirkende, dicke graubärtige Pastor an (keine Ahnung, ob das seine korrekte Berufsbezeichnung ist), wie viel ich trinken soll. Wenn ich bedenke, wie einige andere (einschließlich Cihan auf der anderen Seite) das Gesicht verzogen haben, finde ich es harmlos, das hellbraune, Zimmer warme Getränk zu mir zu nehmen. Und ganz ehrlich, darüber bin ich sehr froh.

Alle nehmen dann wieder Platz und es wird weiter gerasselt und gesungen. Es sei noch erwähnt, dass ich gleich zu Beginn am linken Schulterblatt berührt werde. Mit geschlossenen Augen, stehend zum Gebet, reagiere ich erst nicht darauf. Vielleicht ist das ja eine Art von Begrüßung. Ist es nicht! Denn gleich darauf steht eine finster blickende junge Frau mit einer riesigen Oberarm-Tättowierung vor mir, in der Hand einen unglaublich scheusslichen, bunten, langen Rock. Er sieht aus, als wäre er aus Dutzenden Stoffresten zusammen genäht. Und viel zu groß ist er auch. Ich muss ihn leider trotzdem anziehen, denn ich trage eine weiße Chino, obwohl es Frauen hier untersagt ist, Hosen zu tragen. Das habe ich aber nicht gewusst.

Nach geschätztem dreißigminütigen Gesang (mal stehend, mal sitzend), heisst es Augen zu und konzentrieren. Eine Wirkung des Ayahuasca lässt weiter auf sich warten. Einige Männer und Frauen im Raum haben sich ihrer ersten Ration bereits entledigt. Dann wird zum Nachlegen gerufen. Wieder stellen sich alle an. Dieses Mal darf ich alleine entscheiden, wie viel ich mir aus dem Glasbehälter abzapfe. Ich bleibe bei etwas mehr als einem halben Becher, was ca. 0,1l entsprechen dürfte.

Alle gehen zurück an ihren Platz. Es wird wieder gesungen. Immer geht es um Lobpreisungen von Gott, dem Herren, immer auf Portugiesisch. Wir alle haben zum Mitsingen Gesangbücher in der Hand. Ich halte es für sinnlos mitzusingen, wo ich weder die Lieder kenne, noch die Sprache spreche. Lieber summe ich dazu, mit geschlossenen Augen.

Dann heisst es wieder “Konzentration”. Augen geschlossen halten und Ruhe einkehren lassen. Jetzt spüre ich eine Wirkung. Es ist, als würden innere Stimmen (oder meine Schutzengel) zu mir sprechen. Es ist ein angenehmes Gefühl. Ich kann sie deutlich hören. Sehen kann ich sie nicht, darum bin und werde mir auch unsicher bleiben, ob es von innen oder außen kommt. Die Stimmen begleiten mich durch den Trip. Anfangs geben sie mir wertvolles Feedback zu meinem Leben. Sie loben mich für vieles, dass ich tue. Geben mir aber auch noch ein paar Tipps, wo Veränderungen empfehlenswert sind. Immer wieder bekomme ich zu hören, dass es eine Wonne sei, mich in meinem Leben beschützen und begleiten zu dürfen. Dass mein Weg der richtige ist. Danach folgt unzählige Male der Satz “Es ist alles gesagt. Fokussiere dich jetzt darauf, nicht vom Stuhl zu kippen. Geh nicht raus und übergebe dich nicht. Halte durch, es wird noch eine Weile dauern. Und trink bloß nichts mehr von dem Zeug. Sorry, dass wir dir keine Lightshow geliefert haben. Wir wollten lieber die Gelegenheit für ein gutes Gespräch nutzen. Wann hat man schon einmal die Chance dafür. Mach die keine Sorgen, egal welcher Art. Wir sind bei dir. Wir passen auf dich auf. Alles ist gut. Du musst nur weiter so sein und größtmögliche Freude dabei empfinden. Den Rest kannst du getrost uns überlassen.”

Während dieser “Unterhaltung” fühle ich mich friedvoll, ruhig und sicher. Immer wieder halte ich beide Hände über meine, Solarplexus und spüre flammende Hitze. Es ist schön.

Dann ist dieser Kontakt vorbei, alle Stimmen sind verschwunden. Nun ist wirklich nur noch durchhalten angesagt. Sitzen bleiben, tief durchatmen und warten. In der Zwischenzeit gehen einige bereits zum 2. Nachschlag. Ich bleibe sitzen, sehe durch den Raum und sobald sich alles dreht, schließe ich die Augen wieder. Zwischendurch signalisiere ich Cihan, dass es mir gut geht. Er lächelt. Ob zu mir gerichtet oder ob des intensiven Trips auf dem er sich befindet, vermag ich nicht zu sagen.

Der Gesang und das Gerassel werden lauter und intensiver. Mit geschlossenen Augen fühlt es sich an, als hätte ich 1000 Ohren, rund herum um meinen Kopf verteilt. Ich höre Klänge und Details (auch die schiefen Töne), wie nie zuvor in meinem Leben. Was müsste das für ein Erlebnis sein, Xavier Naidoo so einmal Live erleben zu können.

Der vierte und letzte Ausschank wird angeboten. Nur noch die geübten Einheimischen stellen sich dafür an. Langsam wird es mir lästig hier zu sein, denn ich fühle mich bereits wieder klar. Ich nehme mich zusammen und wechsle zwischen Beobachtungen der andern hier und dem Lauschen der Musik.

Dann ist es vorbei. Gut 3h hat die Session gedauert. Jeder scheint glücklich (einschließlich mir), wobei viele noch auf ihrer Reise sind. Viele fallen sich um den Hals. Ganz egal, ob sie sich kennen oder nicht. Ein großer, dicker Schnauzbärtiger Mann des inneren Kreises drückt mich fest und schwärmt von meiner Schönheit. Er hat mich beobachtet, waren wir doch genau gegenüber gesessen. Ein anderer, ein junger Mann aus Quebec, bedankt sich überschwänglich bei mir. Ich habe ihm auf seinem Trip Kraft und Fokus gegeben. Er ist voll der Bewunderung dafür. Cihan sagt noch (auch er strahlt noch immer wie 10 Vollmonde), er habe mich vollständig in goldenes Licht getaucht gesehen. Viele tauschen sich über ihre Visionen aus. Ich bleibe lieber bei mir, möchte das Erlebte noch nicht teilen. Lieber gucke ich, wie die Verteilung der Teilnehmer auf genau genommen zu wenig Autositze für die Rückfahrt vorgenommen wird. Ganz unerwartet, während ich friedlich warte, kommt ein weiterer, dicker Einheimischer (hier gibt es viele Dicke) ganz nah an mich heran. Er steckt mir ein mit Tabak und Kräutern gefülltes Holzstäbchen im die Nase und pustet vom anderen Ende kräftig herein. Soll wieder frisch und klar machen, das Zeug. Ob ich das brauche, fragt er gar nicht erst. Zack, schon ist das andere Nasenloch dran. Es brennt für 2-3 Minuten wie Hölle. Dann ist es vorbei.

Wie ein ganz besonderer Abend nun auch. Es ist etwa 1h, als wir alle heile in unseren Unterkünften ankommen. In dieser Nacht sehe ich eine solche Menge an Sternen am Firmament, wie nie zuvor in meinem Leben. Keine Ahnung, ob das die Nachwirkungen des Ayahuasca sind. Jedenfalls bin ich so froh, dass ich mich darauf eingelassen habe. Auch wenn ich nicht wie andere bunte Mosaike, Lightshows und die Sterne in 3D gesehen habe, es war toll. Es war intensiv. Es war nur positiv. Es ist mit nichts vergleichbar. Es hat mich noch etwas mehr geerdet. Es hat mich in eigentlich allem in meinem Leben bestätigt. Die Erinnerung an das Feedback im Gespräch mit meinen Schützern wird mich nie mehr verlassen.

Und sollte es einmal verblassen oder ich solch eine Connection nochmals brauchen werde ich dafür sorgen, wieder an so einem Abend teilnehmen zu können. Danke Cihan dafür, dass du mich immer wieder genervt hast, mit zu gehen. Danke blöde Oktagon-Treppe, dass du mir durch den Sturz noch 10 Tage Zeit gegeben hast. Denn bereits nach nur einer Woche meines Aufenthalts hier, wäre die Wirkung vermutlich weniger bedeutend gewesen.