Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 7

Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 7

Vier Stunden sitze ich heute, es ist Mittwoch, also der 1. von 3 Tagen, an denen Joao pro Woche in der Casa für Konsultationen, Gebete und Interventionen ist. Ich bin pünktlich für den Gebetsraum und sitze wieder am exakt selben Platz wie letzte Woche. Dieselbe brasilianische Frau neben mir. Dieses Mal mit zwei kleinen Kindern. Es zieht sich. Es fällt mir schwer ruhig zu sitzen. Es ist mühsam, die ganze Zeit die Augen geschlossen zu halten. Ganze vier Stunden geht das heute so. Das allerdings kann ich während der Übung selbst nur erahnen.

Heute habe ich kein strahlend gelbes Licht oberhalb meiner Stirn, wie beim letzten Mal. Meine Wünsche für Glück, Gesundheit, Freude, Ziele u.ä. werden ständig durchkreuzt von Alltags- und Zukunftsfragen. Ich ertappe mich dabei, meine monatlichen Fixkosten zu addieren. Und stelle mir Fragen, was davon wirklich notwendig ist und bleibt? Wohnungsmiete, Krankenversicherung, Büro, Telekommunikation? Daran ist derzeit nix zu rütteln. Das sind keine Luxusposten. Aber ein Auto mit über 200 PS, das aber bis auf 3-4 Langstrecken pro Jahr (und da kann ich künftig, wie zuletzt nach Heidelberg, den Fernbus nehmen) nur täglich im Stau mit mir steht? Die hohen Versicherungsbeiträge, für oder gegen was auch immer, weil in uns allen die konditionierte Angst steckt, es könne etwas passieren?  Ständig neue Klamotten, was damit entschuldigt wird, dass ich in der Branche tätig bin? Wäre denn meine Leistung geringer, ohne die neuesten Trends am Körper zu tragen? Da sehe ich plötzlich diverse Ansätze. Mobilität nutzen und zwischendurch im Ausland arbeiten? Machbar und verlockend. Reisen und dabei Gutes tun? Das baue ich derzeit bereits mit Stop Staring – Start Caring e.V., auf.

Knapp vier Stunden vergehen mit all den Fragen (und den umgehenden Antworten darauf). Zwischendurch erfolgreich an gar nichts denken, dann wieder ungeduldig innerlich grummeln und äußerlich so dezent wie möglich zappeln.

Und dann beginnt die Menge um mich herum sich zu bewegen und zu reden. Für heute ist es geschafft!

Noch nie zuvor war ich ohne Beschäftigung, mit geschlossenen Augen, fast reglos dagesessen. Ich gebe zu, ich bin froh, dass es vorbei ist. Aber ich bin auch ziemlich stolz. Morgen oder Übermorgen mache ich das für diese besondere Reise, an diesen so speziellen Ort, zum 3. und letzten Mal. Vorher allerdings wartet Santo Daime auf mich, das Ritual mit dem Ayahuasca. Als sollte es so sein, bietet sich heute Abend eine weitere Gelegenheit dazu. Mit mehr bei sich sein, statt 8-stündigem Beten, Singen und Tanzen. Mein Bein ist nahezu verheilt, das Spektakel ist hier in der Nähe, kein Regen ist avisiert und irgendwie, das muss ich zugeben, bin ich sehr gespannt, ob sich mir unter Einwirkung dieses sehr speziellen “Tees” Wesenheiten zeigen, mit mir gar kommunizieren.

Es ist unmöglich, dass einen Abadiania, Joao de Deus und das ganze Procedere samt der unterschiedlichsten Menschen aus aller Welt, nicht berühren. Das ist meine feste Überzeugung nach meinen drei Wochen an diesem wenig hübschen aber sehr kraftvollen Ort. Durch ein Wechselbad an Gefühlen bin ich gegangen. Erstaunen, Ablehnung, Zorn, Langeweile, Ungeduld, Demut, Freude, Mitgefühl und Nächstenliebe.

Es geht mir gut. Jetzt und bereits vor meiner Reise hierher. Dennoch habe auch ich hier noch mehr Ruhe gefunden. Ein paar Fragen wurden mir beantwortet. Ich habe festgestellt, dass ich schon sehr weit bin, was geistige und seelische Arbeit und Selbstkritik betrifft. In Sachen Toleranz bin ich noch ein großes Stück weiter gekommen. Noch spezifischer konnte ich formulieren, wie mein Leben weiter gehen soll. Was und wer darin genau am richtigen Fleck ist und was an Kleinigkeiten noch fehlt. Ich habe hier, wie bereits letztes Jahr bei meiner ersten Charityreise nach Sri Lanka, erneut feststellen können, dass ich mit sehr wenig und widrigen Umständen gut zurecht komme. Ja sich sogar viel mehr in allem Gutes entdecken lässt.