Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 6

Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 6

Interessant für mich selbst hier zu sehen ist, dass ich mich (bis auf den ein oder anderen schlecht gelaunten Moment) auf die diversen Widrigkeiten hier einstelle. Ich mich mit den Umständen anfreunde und es dann geniessen kann, in aller Ruhe viele gute Bücher zu lesen. Ich lese über den Dschihad, die Verschwörungstheorien der New World Order, die bereits zurückgeht auf das 19. Jahrhundert. Ich lese über das System des Foodsharing und Lebensmittel rettens, das in unserer Wegwerfgesellschaft immer mehr Unterstützer findet. Und dabei lebe ich aus einer Tasche, die etwa 10kg Habseligkeiten fasst. Alles, was ich hierher mitnehmen konnte. Keine Riesenauswahl an Klamotten, Lippenstiften, Schuhen und Taschen. Kein Kühlschrank und Vorratsregal voll mit den Dingen, die ich so gerne esse. Kein Fernsehen, keine Modezeitschriften, keine PR- Jobs, keine Telefonate, Emails checken nur 1x am Tag.

Vielleicht ist diese Art der Reduktion von allem, meine Aufgabe hier. Vielleicht brauche ich nur diese Erfahrung und muss nicht griesgrämig sein, dass Joao mir nur einen Händedruck mitgegeben hat? Vielleicht fehlt mir eben gar nichts, weil ich vielmehr alles habe und vor allem alle Möglichkeiten? Vielleicht ist die Zeit hier gar nicht sinnlos für mich?

Und dann gibt es wieder Tage, wie diesen Freitag. Die Jungs möchten zum Freitagsgebet in die nächstgelegene Moschee in Anapolis, etwa 30 Minuten Taxifahrt von hier. Mir ist langweilig, darum schliesse ich mich an. In die Moschee darf ich natürlich nicht, also warte ich eine gute Stunde unter einem Baum, der wie ein riesiger Ficus Benjamini aussieht. Ich habe die Wahl zwischen einem dreckigen, erdigen Boden oder einer sehr niedrig hängenden, wackligen Schaukel, die aus einem alten Abflussrohr gemacht wurde. Beides ist so unangenehm, dass ich mehrfach die Position wechsle. Danach, welch Highligt, geht es in eine Shopping Mall. Die kann ich nie leiden, egal wo auf der Welt ich bin. Wir machen uns darin auf die Suche nach einem verspäteten Mittagessen. Wie man sich in einer Mall vorstellen kann, gibt es nur teuren, ungesunden Fraß. Wir essen solchen und zahlen dafür umgerechnet je 7,-. Ich soll noch den ganzen restlichen Tag davon zehren. Immerhin entdecke ich während des Essens, gegenüber in einem Sportgeschäft eine tolle, bunte Sporthose. Die kaufe ich mir. Da mein rechtes Bein durch den Sturz noch voller Schürfwunden und blauer Flecke ist, gestaltet sich das Anprobieren als schwierig und schmerzhaft. Das linke Bein muss reichen, um zu entscheiden, dass sie passt. Es ist eh nur noch eine in S da, dann erst wieder L, was definitiv zu groß ist.

Nach 10min ist die Hose gekauft und wir betreten gemeinsam einen riesigen Carrefour. Auf den ersten Blick hat dieser eine paradiesische Auswahl. Bei näherer Betrachtung sind wir aber alle bestürzt über die Preise. Die Jungs rechnen alles in türkische Lira um, ich in Euro. Und alle fragen wir uns, wie sich das die Einwohner hier überhaupt leisten können. Mit geringer Ausbeute laufen wir zum nahe liegenden Busbahnhof, in der Hoffnung, so zurück nach Abadiania zu kommen. Denn auch Taxi fahren ist teuer. Wir haben 30,- für die Hinfahrt (ca. 25 km) bezahlt. Da die Busse aber allesamt nicht behindertengerecht sind, heisst es wieder ins Taxi steigen  für die Rückfahrt. Kaputt, verschwitzt und irgendwie frustriert kommen wir zurück in unser Dorf.

Ich ziehe mich schnell ins Häuschen zurück, freue mich auf eine ausgiebige Dusche. Vorher nehme ich aus dem Kühlschrank noch eine kalte Flasche stilles Wasser mit. Komisch finde ich, dass das Etikett fehlt. Egal. Endlich mal kühles Wasser. Im Oktogon ist kein Kühlschrank. Später erfahre ich, dass es sich um heiliges Wasser von Joao handelt, dass unserem Patienten verschrieben worden sei. Oh je, denke ich. Hoffentlich dann wenigstens ohne Fluoride, sondern vom gesegneten Wasserfall. Aber nein, es handelt sich um Supermarktwasser, aber halt “gesegnet”. Mein schlechtes Gewissen ist damit flöten. Denn es sei gesagt, dass es erschreckend ist, mit welchen schlimmen Zusätzen die Lebensmittel hier behandelt sind. Einschließlich eben dem hohen Anteil an Fluorid. Obst und Gemüse sind von utopischer Größe. Genmanipulation vom Feinsten. Ich habe das Gefühl, dass gute Ernährung hier schwer bis gar nicht umsetzbar ist. Lediglich in einem Café gibt es Smoothies mit Acai-Beeren und Vollwertkekse. Alles aber preislich wie bei uns. Man muss also (schon wieder) privilegiert sein, um sich das (ca. 3 facher Preis vom angebotenen schlimmen Essensangebot) leisten zu können.

Noch 5 Tage bin ich hier. Heute ist unsere Gruppe um drei Personen aus der Türkei angewachsen. Zwei Brüder (unter 30) und deren Mama, sind dazu gestoßen. Der jüngere Sohn ist schwer an Lungen- und Knochenkrebs erkrankt. Die Chemo zeichnet ihn. Ein Bein und die Wirbelsäule sind bereits stark befallen. Seine Schmerzen kann man ihm ansehen. Nicht allzu große Hoffnungen hat er, hier Linderung oder ein längeres Leben zu erhalten. Er ernährt sich einseitig und schlecht und ist kaum offen für Veränderungen. Cihan hat seinen Aufenthalt hier verlängert und redet auf ihn ein, wie auf ein krankes Pferd. Erzählt von Antioxidantien, freien Radikalen, Zellerneuerung und anderem, das bei Krebs so wichtig und unterstützend ist. Hoffen wir, dass sein Einsatz auf fruchtbaren Boden fällt und auch Joao helfen kann.

Jetzt hab ich also 8 Türken um mich herum, mit denen ich mich nicht austauschen kann. Sorry, 7. Cihan spricht ja meine Sprache. Nur hat er halt keine Zeit mehr und müsste ständig übersetzen. Das ist für ihn sehr anstrengend und ich ertappe mich immer wieder dabei, mich darüber zu ärgern. Das ist egoistisch und beschämt mich.

Darum habe ich beschlossen, nicht zu grummeln, sondern die restliche Zeit, die Ruhe und die Sonne zu geniessen. Wann hat man schon sonst die Möglichkeit im Schatten exotischer Pflanzen zu liegen und zu lesen? Just mit dieser positiven Einstellung, begegne ich Annekee aus Berlin. Sie ist gerade angekommen und saugt die Sonne auf wie ein Schwamm. Wir verstehen uns auf Anhieb und ratschen gleich beim ersten Aufeinandertreffen zwei Stunden. Sie ist zum 3. Mal hier und ist nicht krank, was mich sehr freut. Für sie, aber auch für mich. Denn allzu viel Krankheit zieht mich schon herunter. Im Rahmen des Auskostens, habe ich mir vorgenommen, Morgen und Übermorgen in der Früh in den Current Room zum Meditieren zu gehen. Annekee sagt, ich soll dann einfach mal an nix denken. Dass ich beim ersten Mal allen Glück und Gesundheit (auch mir) gewünscht habe, sei ehrenwert. Der nächste Schritt sei allerdings die Leere, ohne die sich in meinem Innern nichts “abspielen” kann. Ich keine Antworten, Hinweise und neue Erkenntnisse erfahren werde. Oh je… Ich probier das mal.