Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 5

Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 5

Mein Sturz hat mich auch vor meiner zweiten Santo Daime-Erfahrung in der vergangenen Vollmondnacht bewahrt. 8h Stunden christlicher Gesang und Tanz sind mir erspart geblieben. Wobei das Gebräu aus Ayahuasca wohl dieses Mal wirkungsvoller war. Cihan erzählt mir am Tag danach farbenfrohe Geschichten seines Trips. Mehrfaches Übergeben selbstverständlich inklusive. Und aufgrund des Tanz- und Gesangsprogramms wenig Zeit, sich den Halluzinationen in Ruhe hinzugeben. Na bravo! Da trinkt man etwa, um sich in andere Dimensionen zu begeben und bekommt nicht die Ruhe und Rückzugsmöglichkeit, das auch zu geniessen. Ich bin froh, dass es mir an dem Abend nicht gut geht und ich ablehne, mitzukommen.

Gut Halbzeit und ich ertappe mich dabei, die Tage bis zum Abflug zu zählen. Ich gehe sogar soweit, den Trip hierher als ziemlich sinnlos abzutun. Täglich beobachte ich nach wie vor mit Erstaunen all die in Weiß gekleideten Anhänger, die sich pünktlich zu den Besuchszeiten die die Casa On Inacio begeben. Bei größerem Aufkommen sieht das aus wie eine Geisterwanderung. Auch Unterhaltungen über Begegnungen, Schicksale, Engel, Zeichen und anderem verfolge ich immer wieder unbeabsichtigt mit einem Ohr. Dabei stellt sich mir dir Frage, ob ich für solche Dinge entweder einen zu klaren Verstand habe oder zu verbohrt bin. Denn mir geht es gut, ohne ausgeprägte Spiritualität. Ich denke eine gute Intuition zu haben, höre auf meine Wünsche und Bedürfnisse und bin fürsorglich, geht es um den Kreis meiner Lieben. Ich bin auch tolerant gegenüber jedem anderen Lebensstil. Aber mir begegnen eben keine Wesenheiten und ich sähe – glaube ich – im Falle einer Krankheit, diesen Ort nicht als letzte Hoffnung.

In der weissen Nacht unserer beiden Patienten, haben beide übrigens keinerlei besondere Erlebnisse gehabt, noch sind sie von den Entities besucht worden. Es ist aber über die Zeit ein deutlicher Unterschied zwischen beiden und deren Verhalten dem hier Erlebten gegenüber, zu sehen. Die junge Frau, die nach einem Verkehrsunfall seit 2008 im Rollstuhl sitzt, wirkt stets eher pessimistisch und schlecht gelaunt. Ihre Mama, die sie Tag und Nacht umsorgt, behandelt sie wie eine Hausangestellte. Wohingegen der Mann im Rollstuhl, ebenfalls nach einem Autounfall ab der Brustwirbelsäule nach unten gelähmt, wissbegierig, positiv und demütig ist. Er hat über die erste Hälfte seines Aufenthalts hier sogar die Erkenntnis gewonnen, warum ihm das passieren musste. Warum erzählt er nicht. Aber das ist völlig okay.

Cihan kümmert sich vorbildlich um jeden in der Gruppe. Er geht zu allen Terminen, übersetzt und wechselt dafür von Türkisch ins Englische und in ein ziemlich gut klingendes Portugiesisch. Er selbst kommt mit seinen Belangen zu kurz. Er schläft schlecht, hängt viel am Laptop, um Dinge in der Türkei zu regeln und erzählt den anderen von seinen Reisen und früheren Erfahrungen hier. Die letzten Tage hier wird er selbst zu Joao gehen und meditieren. Das hat er sich fest vorgenommen.

Schlimm hier ist der Verkehr. Der nervt mehr und mehr, je zurückgezogener und gleichlautend die Tage verlaufen. Durch die wunderschöne Natur, den prächtigen Urwald, hat man eine Schneise für einen Highway geschlagen. Den können selbst Grillen und Vogelgezwitscher nicht übertönen. Und der Verkehr darauf ebbt niemals ab. Wir müssen ihn sogar kreuzen, um zu den einzigen erreichbaren Supermärkten zu kommen. Rund um den Dorfkern und die Pilgerstätte, hat sich leider kein Lebensmittelgeschäft angesiedelt.

(M)ein Tag gleicht dem anderen. Gegen 7.30h stehe ich auf. Steige die “böse” Treppe hinunter ins Waschhäuschen vom Oktagon. Mache mir danach Glas Limettenwasser, esse einen Apfel und Weißbrötchen mit Nutella. Dann räume ich das Häuschen auf. Den Rest des Tages verbringe ich lesend im Schatten, am Pool, in der Hängematte oder im Haus, in dem die anderen untergebracht sind. Dort wird auch fast immer gegessen. Die türkische Mama kocht. Es gibt unglaublich viel Teigiges und Frittiertes sowie täglich Salat. Alles leider wenig gewürzt, weil das den Patienten untersagt ist.

Einmal haben Cihan und ich in unserer Pousada gegessen. Und es war echt gut. Viele gedünstete Zwiebeln haben den nötigen Geschmack gegeben. Es gab Rind und Huhn und Spinatgemüse und so etwas wie Humus. Da habe ich voller Appetit gut zugeschlagen.