Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 4

Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 4

Jetzt bin ich bereits über eine Woche hier und wirklich bemüht, die Dinge, Einrichtung und Ablauf (in der Casa Joao de Deus’) und die Menschen an mich heran zu lassen. Eine erwünschte positive Wirkung ist allerdings bislang ausgeblieben. Ich bin kein Glaubenstreuer, weder Christ noch einer anderen Konfession zugetan. Und hier ist es sehr, sehr christlich. Jedes Logo, das man sieht, all die Bilder an den Wänden – sei es im Café, in unserer Pousada oder im Meditationsraum. Ist man streng katholisch und hat irgendwie seinen Weg verloren, mag man hier in Abadiania Halt finden. Mir fehlt der Zugang. Mich schreckt das eher ab und vermittelt das Gefühl einer Sekte und ihrer getreuen Anhänger.

So verlaufen für mich die Tage sehr eintönig. Egal, ob es die drei Tage sind, an denen Joao in der Stadt ist, und alle am frühen morgen nüchtern und in weiß dorthin eilen. Oder die verbleibenden, anderen vier Tage der Woche. Ich lese viel. Ich schlafe viel. Schreibe meine Notizen. Highlights des Tages sind ein Sandwich oder Kuchen in einem Café mit Pool oder ein Detox Smoothie in einem anderen an der einzigen Dorfstraße. Hier reihen sich auch Geschäft an Geschäft. Man kann Unmengen weiße Bekleidung und jegliche Heilsteine kaufen. Dazwischen gesellen sich Friseure, Kosmetik und Masseure, die damit auf Plakaten werben, von den Wesenheiten (den Entities) berufen zu sein, ihre Dienstleistung anzubieten. Zu verkaufen, wohlgemerkt – und das für etwa umgerechnet 40,-. Eine hohe Summe, wenn man vergleicht, dass eine Nacht in unserem freistehenden Oktagon 25,- Euro kostet.

Wie schon gesagt, es liegt mir fern, das alles zu verurteilen oder klein zu reden. Der Kommerz ist aber an jeder Ecke spürbar und den halte ich an solch einem Pilgerort für verwerflich.

Ich habe nun fast die Hälfte meiner Zeit hinter mir. An manchen Tagen ist es okay, wie es ist, an anderen würde ich gerne in einen Flieger steigen und an eine von Brasiliens Küsten fliegen. Das wäre schlecht fürs Budget, durch hohe Extrakosten. Außerdem müsste ich dann die anderen verlassen und ganz alleine dorthin reisen, wo ich ja auch niemanden kenne. Ob das eine gute Idee ist?

Unsere beiden Patienten tun jedenfalls die ganze Zeit brav, was ihnen der Heiler aufgetan hat. Von gestern auf heute z.B. mussten sie sich weiß gekleidet mit einem Glas Wasser auf dem Nachttisch, ins Bett begeben. Angeblich erscheinen in dieser Nacht die Entities, was den Heilungsprozess und die eigenen Erkenntnisse unterstützen soll. Ich werde sie befragen bzw. Cihan wird mir übersetzen, wenn wir uns später sehen.

Bis dahin schone ich weiterhin meine sehr unangenehme Blessur, die ich mir vorgestern zugezogen habe. Ein Fehltritt auf der Treppe von WC hoch zum Schlafraum und es war passiert. Ich bin gestolpert und zwischen zwei frei schwebenden Holzstufen stecken geblieben. Ein Bein blieb Höhe Schienbein, das andere Höhe Kniescheibe stecken. Wäre ich herunter gestürzt, wäre ein Krankenhausaufenthalt (und das hier) sicher notwendig geworden. So habe ich nun eine Schürfwunde, eine geschundene Kniescheibe und mehrere blaue Flecken. Der anfangs höllische Schmerz ist auch schon wieder zu ertragen. Ich habe wirklich Glück gehabt. Trotzdem ist längeres Laufen beschwerlich und ich muss zwischendurch die Beine hochlegen. Aber wo soll ich hier auch hingehen? Mein Genesungsplatz ist eine große Hängematte, unter einem Vordach, in der ich Stunden lesend zubringe. Das Wetter ist weitestgehend sonnig und stabil, dass wir viel draußen sind und sich zumindest ein Gefühl von Sommer und Exotik (aber sowas von exotisch) geniessen lassen. Und um die Heilung noch voranzutreiben, gibt es jetzt erst einmal 2-3 Stücke Brioche ähnlichem Gebäck mit dick Nutella. Besser als jede Medizin. :-)