Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 3

Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 3

Heute Morgen heisst es Meditieren. Wir alle stehen ab halb Acht in der Schlange, um in den sogenannten Current Room zu gehen. Dort sitzt man mit geschlossenen Augen, betend, meditierend, ausharrend – wie auch immer, jedenfalls solange, bis die ganze Morgenzeremonie vorbei ist. Also bis die letzte Person ihre kurze Audienz bei Joao hatte. Und die Schlange ist täglich lang. Also sitzt man 2-4 Stunden im Current Room. Nüchtern, versteht sich. Am besten sogar, ohne etwas getrunken zu haben. Darf man den Raum doch nicht vorzeitig verlassen. Für mich eine völlig neue Erfahrung, um nicht zu sagen herausfordernd.

Allerdings bin ich hier bereits den vierten Tag und erstaunlich ruhig. So meistere ich den Current Room auch ohne jede Schwierigkeit. Ich atme tief und denke an nichts. Stattdessen wünsche ich allen hier im Raum Gesundheit, Glück, Freude, Wohlstand und Liebe. Das tue ich zwei Stunden lang. Dann ist alles vorbei. Ich habe keinerlei Ungeduld verspürt, nicht herum gehampelt und keine wilden Gedanken gehabt. Danach fühle ich mich erfrischt. Der morgendliche Hunger stellt sich erstaunlicherweise auch erst eine Stunde später ein.

Geplant ist am selben Tag ab 13.30h ein weiteres Mal zum Beten/Meditieren zu gehen. Weil wir aber etwas zu spät sind und ich keine Lust habe, mich anbiedern, trotzdem hinein zu dürfen, fällt das für mich heute aus. Unsere beiden Rollstuhlfahrer dürfen noch hinein. Ich verbringe den teils sonnigen, teils regnerischen Nachmittag mit dem Lesen von Sebastian Fitzek’s Buch Noah. In diesem sehr empfehlenswerten Roman geht es um künstlich entwickelte Pandemien und Verschwörungstheorien. Ich verschlinge es förmlich.

Heute ist Samstag und wir haben sozusagen Joao-frei bis einschließlich kommenden Dienstag. Nach wie vor, wünsche ich allen, die Sorgen, Krankheiten und Schmerzen plagen, dass ihnen hier Besserung widerfährt. Ich für meinen Teil fühle mich glasklar im Geist und topfit. Das ist möglicherweise auch der Grund, warum mich die Pilgerstätte und der Hype um Joao ziemlich unbeeindruckt lassen. Andererseits, was immer hilft, ist wertvoll. Und sei es nur, dass Joao auf erstaunliche Weise die Selbstheilungskräfte seiner Anhänger und Patienten aktiviert. Und das so sehr, dass es ihnen danach schnell und spürbar besser geht.

Als weniger erfreulich hier entpuppt sich die Nahrungsaufnahme. Cihan hatte mich hier bereits vorgewarnt. Esskultur scheint es hier nicht zu geben. Da haben wohl die Tausenden und Abertausenden Besucher aus aller Welt über die Jahre nichts daran ändern können. Also ist selber kochen angesagt. Der nahegelegene Supermarkt ist allerdings furchtbar schäbig und ungepflegt. Macht also keine Lust auf Einkaufen.

So habe ich also zum Start ins Jahr 2015 zwar keine Ayurvedakur wie zuletzt, aber eine seelische Entgiftung (ob die wirklich nötig ist?) und eine unfreiwillige Hungerkur dazu.

Tag 5-8 haben wir frei, soll heissen Joao de Deus hat frei und so stehen uns vier Tage allein bestimmt zur Verfügung. Cihan und ich entscheiden uns für einen Ausflug mit José, einem Einheimischen, den er von seinem letzten Aufenthalt 2008 her kennt. Wir fahren in einem unglaublich alten, schäbigen Ford Escort nach Pirenopolis, zu den berühmten Wasserfällen. José redet während der Fahrt viel (sonst auch), und zwar immer von Jesus, Gott, Zeichen, Segen und Engeln. Er fährt auch so, als hätte er eine ganze Armada (Schutz-)engel mit dabei. Mein Gurt ist kaputt. So würde mir also nur noch beten helfen. Vielleicht ist das die Absicht oder Aufgabe? Egal. Wir kommen heile an, das Wetter ist toll. Man zahlt umgerechnet 7,- Eintritt, um die Wasserfälle zu besuchen. Viele Brasilianer haben heute die gleiche Idee. Es ist Samstag.

So geht es im Schneckentempo eine steile, steinige Schneise hoch zum ersten Wasserfall und weiter zu den anderen, bis wir am höchsten Punkt angekommen sind. José macht uns an jeder Ecke auf die Wunder der Natur aufmerksam. Uns und alle anderen, die sich für ein paar Minuten in seine Nähe wagen. Er spricht viele Segen aus und wünscht noch ein gutes Neues Jahr. Irgendwie sehr aufmerksam, wenn auch auf Dauer etwas nervig.

Ganz oben lassen wir uns dann auch im Halbschatten nieder. José kramt eine Flasche aus seiner Plastiktüte hervor, drei Becher und macht ein feierliches Gesicht. Zeit für Santo Daime sagt er, dem für viele Brasilianer heiligen Getränk, das in einem komplizierten Verfahren gekocht und destilliert wird. Wirken soll es ähnlich LSD. Ähnliche Erfahrungen, mit welchen Substanzen auch immer, sind mir bislang fremd. So trinke ich also ca. 0,1l von dem bräunlichen, schaumigen Zeug, das irgendwie nach Malz und Rauch riecht. José ist stolz auf den wohl besonders gelungenen Geschmack und betont mehrfach, dass es 9 Tage und Nächte braucht, es auf offenem Feuer herzustellen. So viel sei dazu gesagt, mir ist nicht schlecht geworden und gemerkt habe ich ebenfalls nichts. Ebensowenig wie Cihan, der das heute zum zweiten Mal genommen hat und von heftiger, stundenlanger Trance beim ersten Mal berichtet hat.

Ohne Halluzinationen wandern wir wieder herunter Richtung Parkplatz. Dort angekommen, fängt es an zu stürmen und extrem stark zu regnen. Es hört über Stunden nicht mehr auf. Die Fluten auf der Straße hindern José leider nicht daran, langsamer heim zu fahren. Zu allem Leid, beschlagen auch noch die Scheiben von innen. Wie durch ein Wunder geht alles gut. Auf halbem Weg kehren wir noch ein und nehmen ein paar verschiedene, unsäglich fettig frittierte Käse- und Fleischtaschen zu uns. Es ist ein Kreuz, das mit der Esserei hier. Zurück in José’s Haus versucht er uns dann noch äußerst vehement und penetrant Schmuck anzudrehen. Dieser ist nur durchschnittlich hübsch, aber ziemlich überteuert. Das zum Thema, ich brauche nur Gott und schimpfe über die Gesellschaft, die den Konsum allzu sehr in den Vordergrund stellt.