Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 2

Brasilien 7.500km Küste und ich sehe keinen Meter davon! – TEIL 2

An den ersten Tagen finde ich das alles schlimm. Wer will sich schon mit so vielen Schicksalen und Krankheiten umgeben? Es zieht mich herunter und ich muss auch feststellen, dass hier nichts ist, was mich wirklich anspricht. Keine schöne Landschaft, keine gute Gastronomie, kein Urlaubsgefühl – nichts, was einen sonst veranlasst, auf Reisen zu gehen. Dann steht die Konsultation bei Joao an. Morgens um 8h geht es los. Jeder, der ihn sehen möchte, muss weiß gekleidet kommen. Ich blicke in zahllose angespannte Gesichter. Viele brechen in Tränen aus, bevor es losgeht. Ich blicke durch den großen, überfüllten Raum, auf dessen Bühne sich viele von Joaos Helfern um Struktur, Ruhe und Ordnung der Menge bemühen. Ich frage mich, was es wohl für Geschichten, Sorgen und Krankheitsbilder sein müssen, die all die Menschen aus aller Herren Länder hier her geführt haben.

Wir sind eine Gruppe von sieben, zwei davon mit Wirbelsäulenquetschungen, verursacht durch Verkehrsunfälle. Sie sitzen seither im Rollstuhl und wünschen sich sicher tief im Herzen, dass die beschwerliche Reise ihnen Linderung verschafft. Ich wünsche mir das auch so sehr für sie. Das ist kaum zu beschreiben und schwer zu verstehen, wo ich sie ja erst drei Tage kenne. So stehen wir nun also eng an eng in der sogenannten Casa von Joao de Deus und warten. Immer wieder geben uns seine Helfer Anweisungen in verschiedenen Sprachen, dann wird lange auf Portugiesisch gebetet. Katholisch. Ich erkenne das “Ave Maria” und höre von Klang das “Vater unser” heraus. Jeder hier hat eine Zutrittskarte bekommen, die durch ihre Farbe eine Kategorie darstellt. 1a steht auf meiner. Sie ist rot. Ich bin zum ersten Mal hier. Damit darf ich noch nicht in den Meditationsraum, in den auf ein Kommando von der Bühne, Dutzende strömen. Sie werden dort mit geschlossenen Augen, auf Stühlen, Bänken (oder, wenn sie Glück haben, in gemütlicheren Ohrensesseln) solange verharren und beten, bis die lange Schlange von Menschen endet. Das dauert täglich zwischen drei und vier Stunden.

Wenn ich heute “durch” bin, sprich Joao gesehen habe, “darf” ich auch meditieren in diesem Raum. Ich werde mich dieser Herausforderung noch stellen.

Jetzt heisst es erst einmal, Beine in den Bauch stehen und warten. Nach etwa 1,5h komme ich Joao der auf einem großen Sessel sitzt (oder soll ich eher sagen, thront), immer näher. Alle in der Schlange vor mir geben ihm einen Zettel. Er kritzelt im Gegenzug ein Wort auf einen Zettel. Später erfahre ich, dass es ein Rezept. Ich habe keinen Zettel. Ich habe nichts vorbereitet und weiß auch nicht, ob und was ich sagen soll. Mein Herz schlägt schneller. Dann ist alles vorbei. Ich würde sagen, es waren 1-2 Sekunden. Ich stehe vor ihm, er hält meine rechte Hand. Er schreibt mir nichts auf, hat er doch auch von mir keinen Wunschzettel bekommen. Er sagt etwas. 2-3 Worte auf Portugiesisch, die ich nicht verstehe. Später mache ich mir einen Spaß draus und sage, es könnte so etwas wie “Bitte weitergehen” gewesen sein. Eine Helferin treibt mich dann auch wirklich sofort an, weiterzugehen, denn die Schlange hinter mir scheint endlos. Ich bekomme zwei Gebetszettelchen in die Hand gedrückt und muss mich im nächsten Raum niederlassen. Hier wird ein paar Minuten gebetet. Wieder verstehe ich kein Wort. Ich spüre, dass ich ganz tief und ruhig atme. Wir alle sind angehalten, die Augen geschlossen halten. Da ich so entspannt bin, fällt mir das überhaupt nicht schwer. Einige um mich herum weinen oder schluchzen bitterlich.

Dann heisst es wieder, zügig weiter gehen. Die Karawane zieht weiter. Nach draußen, wo wir wohl weitere Anweisungen bekommen. Ich stehe mit zweien aus meiner Gruppe bei den Einheimischen und verstehe wieder überhaupt nichts. Bis uns ein junger Brasilianer den Tipp gibt, in einen kleinen Raum zu gehen, um dort auf die Übersetzerin zu warten. Sie geht nochmals alles Erlebte durch und erklärt die weitere Prozedur. Denen, die nichts von Joao bekommen haben oder nichts verstehen konnten, rät sie am nächsten Tag sich erneut anzustellen. Dann vorbereitet mit aufgeschriebenen Fragen oder Wünschen.

Hm. Ich überlege mir das. Habe ich doch noch massig Zeit hier.

Wenigstens geht es bei unseren Rollstuhlfahrern weiter. Für sie hat er sich mehr Zeit genommen. Sie bekommen Verhaltensregeln und müssen nachmittags zur spirituellen Operation. Danach heisst es für sie, 24h konsequent im Bett zu bleiben.

Was ich für mich spüre, ist immer mehr Ruhe. Ich scheine keine Bedürfnisse zu haben. Ich schlafe viel und gut. Nichts spukt mehr durch meinen Kopf. Rein gar nichts. Ich habe kein Hungergefühl. Esse wenig. Ich dabei nicht frustriert oder schlecht gelaunt. Ich habe das Gefühl, unendlich tief atmen zu können. Mir ist nicht langweilig, was unglaublich ist, betrachtet man meinen Tagesablauf. Es gibt nichts zu tun. Wir machen keine Pläne. Wir machen keine Ausflüge. Es gibt keinen Sport, keine Straßencafés, kein Strand. Nicht einmal eine schöne Aussicht zu geniessen. Nichts wirklich zu brauchen und zu vermissen, ist eine ganz neue Erfahrung. In gewohntem Umfeld wäre ich bereits durchgedreht.