Sri Lanka Reisereport von Sonja – Teil 4

Sri Lanka Reisereport von Sonja – Teil 4

Montag, es ist Halbzeit hier für mich. Heute gehen wir die Waschmaschine für Sukitha kaufen. Die passende hatten wir ja bereits vor einigen Tagen gefunden. Nun muss sie nur noch bezahlt und transportiert werden. Wir vergewissern uns, dass wir im Waisenhaus zu jeder Zeit mit unserer Lieferung willkommen sind. Im Geschäft klären wir alles. Zwei Stunden später fahren wir mit einem XL-TukTuk die neue Waschmaschine liefern. Gerne wollen wir sie gleich anschließen und am besten schon einmal eine Ladung laufen lassen. Doch es ist niemand da, der verantwortlich ist oder uns gar versteht. So dürfen wir sie nur im Eingangsbereich abladen und sollen drei Tage später nochmals kommen.

Jeden Tag ein neues Geduldsspiel für mich.

Cihan, Eilidh und ich reden viel über Ansätze und Möglichkeiten, sinnvoll und langfristig zu helfen. Sowohl Vishaka als auch Sukitha scheinen uns recht gut aufgestellt und versorgt. Sicher gibt es anderswo mehr zu tun. Wir müssen nur die richtige Region und das richtige Projekt für uns finden.

Das ist leichter gesagt als getan!

Aufgrund eines komischen Gefühls und ersten Eindrucks des Mönchs auf der NGO-Eröffnung, entscheiden wir uns gegen den Trip in die Nähe von Hambantota. Besser wäre eine internationale Institution, die bereits auf der Insel aktiv ist. Solch eine Association ist die von Michael Kreitmeir, mit Namen Little Smile. Wir rufen ihn an und er hat nichts dagegen, dass wir ihn besuchen. Ein weiter, mühsamer Weg für ein Gespräch, aber eine gute Möglichkeit, sich kennen zu lernen und etwaig zusammen zu arbeiten. Michael stammt aus der Nähe von Ingolstadt und engagiert sich seit Jahren für die Kinder Sri Lankas. Wir telefonieren kurz mit ihm. Er legt sich nicht fest, was seine Tagesplanung angeht. Er habe sich abgewöhnt, weiter als 1-2 Tage zu planen. Auch hier schwingt eine gewisse Unsicherheit mit, ob wir uns die Ochsentour nur für ein Gespräch antun sollen. Wir würden viele Stunden in öffentlichen Bussen verbringen, ohne bereits zu wissen, ob das zielführend ist.

Alles läuft hier eben anders. Man kann nur lernen, das zu akzeptieren. Keine Struktur, kein System, keine Perspektiven, alles kommt wie es kommt. Irgendwie. Oder vielleicht ist das genau das hiesige System und wir Westler einfach nur zu kontrolliert und getrieben.

Die Begriffe Stress und Burn-out sind hier bestimmt gänzlich unbekannt. Jeder hilft jedem. Keiner macht einen unglücklichen Eindruck. Es wird viel gelacht. Selbst im starken, chaotischen Straßenverkehr hat noch jeder ein Lächeln übrig. Büffel, streunende Hunde, Kinder und alte Menschen sind genauso respektierte Bestandteile des Verkehrs wie Radfahrer, TukTuks, Vans und Linienbusse. Ich bin das vierte Mal auf der Insel und habe bislang noch keinen Unfall erlebt. Rücksicht und Gelassenheit sind die Zauberwörter, durch die das System Straßenverkehr funktioniert. Außerdem ist die Hupe ein wichtigstes Accessoire. Jeder hupt. Das ist aber keine Pöbelei wie bei uns, sondern Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern. Und es funktioniert. Stelle man sich das mal zur Rush Hour auf dem Mittleren Ring in München vor.

Zum Thema Hausgäste. Ich hatte ja bereits geschrieben, dass wir in unserer für einen Monat gemieteten Bleibe unterschiedliche Besetzungen hatten. Zu Eilidh, Cihan und mir, gesellten sich ein guter Freund von Cihan und zwischendurch noch Eilidhs Eltern. Dazu aber eben auch noch Couch Surfer. Schon mal was von Couch Surfing gehört? Das ist ein Onlinenetzwerk à la AirBNB, nur dass man bei irgendwelchen Menschen irgendwo auf der Welt, auf der Couch oder im Gästezimmer schläft. Und das kostenlos. Einen solchen Couch Surfer haben wir nun aus Little Rock hier. Er ist Ende 40, ehemaliger Gefängniswärter, mit Glatze und langem Bart und kommt gerade aus Indien. Drei Jahre plant er durch die Lande zu ziehen. So haben wir Full House.

Noch 3 Tage verbleiben mir, bis es wieder heimwärts geht.

Wir fahren also am Vormittag zu viert nach Sukitha. Dieses Mal mit dem öffentlichen, nicht klimatisierten, übervollen Bus. Nicht mit dem TukTuk oder dem Waschmaschinenverkäufer. Es dauert 30 Minuten und ist absolut abenteuerlich. Dafür kostet die Fahrt nur umgerechnet 15 Cent pro Person. Dafür hat man Dauerbeschallung in Form von Singhalesischem Reggae, den man über einen Flachbildschirm weder übersehen noch überhören kann. Mit einem Stehplatz hat man die A-Karte. Man steht ständig im Weg, wird geschubst und muss aufpassen, dass keiner auf die Flip Flop-Füße tritt. Aber ich lerne in diesen zwei Wochen, mich auch darüber nicht mehr zu eschauffieren.

Der Bus hält direkt vor dem Waisenhaus. Mike, aus Little Rock und Cihan widmen sich der Waschmaschine, was länger dauert, als geplant. Fünf Stunden verbringen wir dort. Eilidh und ich malen und basteln in der Zwischenzeit mit ein paar von den Mädchen, die koordinativ dazu in der Lage sind. Bis auf zwei Mädchen – und das muss ich relativieren, denn einmal als behindertes Kind in Sukitha gelandet – gibt es kaum eine Chance wieder “rauszukommen” – wirken alle weitestgehend positiv und den Umständen entsprechend gesund. Von Mädchen kann allerdings nicht immer mehr die Rede sein. So sind etliche lange schon keine Kinder mehr sondern in den 20ern, 30ern und älter. Sie werden wohl bis zu ihrem Ableben hier bleiben.

Ist man einmal so viele Stunden am Stück hier, wächst die Nähe zu allen hier, denn die meisten erkennen mich beim dritten Besuch schon. Sie suchen sofort die körperliche Nähe und strahlen dabei. Ich muss viel Kraulen und Streicheln. Fast so, als würden die Mädels und die zwei Buben (respektive Männer, da um die vierzig), so ihre Akkus aufladen.

Die 52 hier untergebrachten leben sehr karg und es ist unerträglich heiß. In den Schlafräumen direkt unter dem Blechdach wird mir nach ein paar Minuten schwindlig. Das Blech heizt sich in der Sonne unmenschlich auf. Die Mädels, die hier die meiste Zeit ihres Tages verbringen, sehen apathisch und verschwitzt aus. All das geht mir sehr nahe. Schön ist dafür, dass es viele internationale freiwillige Helfer gibt. In der Zeit, die ich dort verbracht habe, waren es allein ein Dutzend junger Frauen, die Sukitha während ihres Aufenthalts mehrmals die Woche besuchen. Dann wird gespielt, gebastelt, gesungen und gekuschelt.

Und, auch wenn es hart klingt, eine Zukunft haben geistig und/oder körperlich behindert Menschen, insbesondere Mädchen in Sri Lanka nicht. Da kann man nur dahinter sein, ihnen ihr Leben in dieser Einrichtung so angenehm wie möglich zu machen.

Und Waisenhäuser und bettelarme Familien, das erfahren wir mit fast jedem neuem Kontakt zu Einheimischen, gibt es auf der Insel en masse. Sehr leicht kommen wir ins Gespräch. Spricht Cihan doch bereits ein paar Brocken Singhalesisch, was jedes (nicht vorhandene) Eis zum Schmelzen bringt. Und damit nicht genug. Mit drei, vier spontanen Zaubertricks hat das noch jedes Mal geklappt. Es macht mir großen Spaß, die dabei rasch anwachsende Zuschauerschar zu beobachten. Denn die Tricks durchschaue ich mit jeder Vorstellung mehr.

Die so gesammelten Namen, Telefonnummern und Anregungen, wo Hilfe nötig wäre, sind stattlich mittlerweile. Und während ich nun schon auf dem Heimweg bin, begibt sich Cihan in einen Tempel nahe Hambantota. Einen der dortigen Mönche, haben wir auf der Eröffnung von Charlie’s NGO kennengelernt. Ursprünglich wollten wir zusammen dorthin fahren, haben das aber aus Zeitgründen und der langen, beschwerlichen Busfahrt, verschoben. Mit etwas Recherche haben wir herausgefunden, dass es montags und freitags, 7.30h, eine Flugverbindung für umgerechnet 22,- Euro gibt. Cihan hofft auf einen Helikopter. Es sollte aber “nur” eine 15sitzige Propellermaschine werden. :-) Dafür spart er sich die furchtbar beschwerliche Busfahrt und bekommt stattdessen ein kleines Abenteuer.

Sicher für uns beide ist nach diesen zwei Wochen, dass wie weitermachen wollen. Eilidh und andere Menschen hier, haben uns wichtige Einblicke ermöglicht. Auch sicher ist allerdings, dass wir vieles noch recherchieren müssen, uns konkrete Projekte aussuchen und bei allem viel Geduld aufbringen müssen. Das Tempo, wie ich es zumindest von meinem Job und Umfeld gewohnt bin, lässt sich auf Sri Lanka nicht einmal ansatzweise halten.

I’ll be back in Sri Lanka – my love!