Neulich auf Sardinien

Neulich auf Sardinien

Ans Meer fahren ist toll. Ich liebe das! Und dieses Jahr ganz besonders, denn Petrus ist uns in unserer deutschen Heimat ja wettermäßig so gar nicht wohl gesonnen. Irgendjemand wird wohl nicht brav gewesen sein oder seinen Teller nicht aufgegessen haben, bei so viel Regen und Kühle.

Wir wissen bereits seit drei Monaten, dass wir an die Costa Smeralda fahren werden. Und wie das dann so ist, wenn man seine Vorfreude mit Anderen teilt – jeder gibt dir Tipps und erzählt gleich von seinen Erfahrungen. Auf derselben Insel oder überhaupt aus den Reisen der letzten zwei Jahrzehnte.

Da werden die Superlative herausgeholt und in Endlosschleife Urlaubsgeschichten erzählt. Ob man das hören will, oder nicht. Das erinnert mich an die Diaabende aus den 80ern. Wo man bei Chips und Nüsschen stundenlang irgendwelche immer gleich anmutenden Schnappschüsse aus irgendeinem Urlaub von irgendwelchen Verwandten oder Bekannten anschauen musste. Wenn es wenigstens Erdbeerbowle und Ernussflips gab, waren diese Abende für mich nicht ganz umsonst.

Der Costa Smeralda, und ganz speziell Porto Cervo, eilt also voraus, ein absoluter Hotspot zu sein. Mit den schönsten Stränden, die man sich vorstellen kann. Da kann die Karibik einpacken!

Die Messlatte ist hoch.

Wir landen in Olbia, ganz früh am Morgen, nachdem wir unseren Flieger fast verpasst hätten. Denn unser Wecker wollte nicht klingeln und meine innere Uhr sagte mir (leider erst) um 3:38h, dass es Zeit wäre, aufzustehen. Blöd nur, wir die S-Bahn um 4:06h Richtung Flughafen erreichen mussten. Dazu sei bemerkt, dass es ein Fußmarsch von gut zehn Minuten zur Haltestelle ist.  Gott sei Dank ohne Gepäck, da wir einen Vorab-Check-in gemacht hatten. Jeder kann sich aber trotzdem vorstellen, wie es sich anfühlt, in zehn Minuten abmarschbereit zu sein und nichts zu vergessen.

Wir haben es geschafft! Wer hätte das gedacht! Wir mussten sogar noch fünf Minuten warten, bis die S-Bahn einfuhr. Hätten wir also gar nicht hetzen brauchen! :)

An jedem Urlaubsort riecht es anders als daheim. Das mag ich sehr. Besonders, wenn man bei schönem Wetter ankommt. Man steigt aus dem Flugzeug, es ist warm, die Sonne scheint und es riecht nach Meer und Urlaub.

Nach einer gefühlten Ewigkeit bekommen wir unsere Koffer. Und nach einer weiteren Ewigkeit dann auch unseren Mietwagen, mit dem es nach 30 Minuten Fahrt ins gemietete Ferienhaus, nahe Porto Cervo, geht. Wir begleiten ein befreundetes Pärchen, das hier schon einmal Urlaub verbracht hat.

Das Haus liegt etwas versteckt, oberhalb des Meeres, in einer kleinen, dicht bewachsenen Wohnanlage. Schwer zu schätzen, wie viele Häuschen sich hinter all dem Oleander und den Mirtosträuchern, verstecken. Mit Zugangscode öffnet sich das Tor in das sehr gepflegte Condominium.

Das Haus besticht durch seinen Traumblick und die großzügige Terrasse, die sicher doppelt so viele Quadratmeter hat, wie es im Wohnraum gibt. Aber wenn das Wetter so bleibt, ist das wunderbar. Warum im Haus aufhalten, wenn man stundenlang mit einem Bellini (oder zwei  -meinem neuen Lieblingscocktail, mit frischen Weinbergpfirsichen) aufs Meer gucken kann? Dazu zwischendurch an den kleinen Strand zum Baden marschiert, sich Spaghetti zubereitet oder einfach im Halbschatten das Buch weiterliest, das man schon so lange angefangen hatte?

Unsere Freunde sind so lieb und überlassen uns das Schlafzimmer im 1. Stock. Sie selbst begnügen sich mit einem kleinen Raum im unteren Teil des Hauses. Darüber sind wir froh und dankbar. So kann jeder seinen Gewohnheiten nach gehen – wir sind doch ein Quartett aus Frühaufstehern und Langschläfern, unruhigen Geistern und Faultieren, Sonnenanbetern und Schattensitzern, Entdeckern und Müßiggängern, Frühessern und Spätessern, Nachmittags- und Abendtrinkern, Golfern und Nichtgolfern…  alles an Charakteren und Eigenheiten dabei, verteilt auf vier Nasen.

Wir verbringen eine schöne Zeit, in der jeder tut, was er mag. Viel Zeit verbringen wir im und am Haus, machen den ein oder anderen Ausflug, essen daheim oder gehen aus. Flanieren durch Porto Cervo, von dem ich mir sehr viel mehr erwartet hatte, steht auch zweimal auf dem Programm.

Dieser künstlich erschaffene Yachthafen samt Fress- und Shoppingmeile, ist die einzige Enttäuschung des Urlaubs. Wo doch jeder vorab meinte, das wäre ein absoluter Hotspot. Es ist wohl ein Hotspot, geht es um die Liegeplätze von Yachten (700 finden hier in der Hochsaison, die Juli/August ist, Platz). Und wir reden hier von richtig großen Pötten, von denen der ein oder andere bereits die Tage zu bestaunen ist. Teilweise so riesig, dass sie nicht einmal in den Hafen einfahren können.

Auch zum Hotspot wird ein Platz ja gerne, wenn es eine große Konzentration von teuren Geschäften gibt, wer auch immer das als Kriterium festgelegt hat. In Porto Cervo Centro, das architektonisch anmutet, wie ein Outlet Village, haben so ziemlich alle Megabrands eine Filiale. Und stellt man sich vor, dass im Hochsommer 700 Yachten im Hafen und Dutzende zusätzlich davor ankern, winkt den Boutiquen enormer Umsatz.  Ist es doch für die Damen der Kähne sicher ein Muss, während des Aufenthalts dort zu Shoppen, bis die schwarze Karte des Gatten (oder Kunden oder Lebensabschnittspartners oder Vaters) glüht.

Promis und/oder schöne Menschen bekommen wir während unserer zwei Besuche in Porto Cervo nicht zu Gesicht. Lediglich eine interessante Kubusinstallation mit viel Holz und Glas vom Edelkaufhaus Harrods,London.  In dessen Innenräumen präsentieren sich zahllose weitere sündteure Produkte, die in den Läden keinen Platz gefunden haben.

Da stehen Flitzer von Bugatti und Maserati, schweinsteure Pelze und Diamanten werden gezeigt und Technogym-Luxusfitnessgeräte (in diesem Kubus herrscht Totentanz… zwei gelangweilte Fitnessmäuse sitzen die Zeit auf gebürstetem Edelstahl und Nappaledersitzflächen ab. Keiner der zwei Dutzend anwesenden Touristen interessiert sich für Crosstrainer & Co.).

Unsere Bellinis machen wir dann auch lieber selber und verzichten darauf, sie völlig überteuert auf der Piazza zu trinken. Zu sehen gibt es eh nix. All die Promis, Sternchen und Fußballer, die die Costa Smeralda bald fluten, sind noch irgendwo auf der Welt, stehen ratlos in ihren Ankleidezimmern und überlegen, was sie für die Reise in die Louis Vuitton-Koffer packen. An Kokoswasser nippend, mit kritischem Blick in den Spiegel, checken sie dabei ab, ob das Detoxprogramm der letzten Monate ausreichend war, um vor den zahlreichen Paparazzi eine perfekte Figur abzugeben.

Nachdem ich jetzt dort war, weiß ich, dass die Costa Smeralda tolle Strände hat, wie es sie an unzähligen anderen Plätzen auf der Welt auch gibt. Dass sie für mich nicht die Karibik ersetzen, sondern nur den Vorteil einer sehr viel kürzeren Flugzeit haben. Dass ich Porto Cervo nicht brauche. Dass mein Schatz den besten Bellini jetzt selber zaubert und ich mich voller Vorfreude in Gedanken bereits mit dem nächsten Urlaub beschäftige. Schließlich bin ich ein Schützemädchen, das es liebt zu verreisen. Hotspot hin oder her!

[SONJA]